Freitag, 15. April 2016

Leonardo

Es war eine kalte Winternacht, in der ich Leonardo kennenlernte. Das neue Jahr war gerade erst angebrochen und der Schnee von Weihnachten lag noch immer auf den Straßen. Wie jeden Mittwoch war ich in meiner Stammbar; mittwochs wurden dort Konzerte veranstaltet. Eigentlich war ich zu müde, die Arbeit im Winter ist immer anstrengend. Doch für heute war klassische Musik angekündigt, etwas Ruhiges also, das eine schöne Entspannung für den Abend bot. So saß ich an der Bar, ein Glas Merlot neben mir und lauschte den schönen Klängen des musikalischen Duos, einem Mann am Klavier, einer Geige spielend. Sie spielten eine Mischung aus klassischen Stücken und modernem Pop, doch mich fesselte vor allem das Geigenspiel. Schon als Kind bewunderte ich Geigenspieler, doch dieser hier schien von besonderem Talent ausgezeichnet. Wie hingebungsvoll er spielte! Die Augen geschlossen, ganz eins mit seiner Geige. Mich berührte die Musik, sie durchströmte meinen gesamten Körper, ließ mich ebenfalls die Augen schließen. Ich nippte an meinem Wein. Es war Pause, die beiden Musiker verbeugten sich und verließen die Bühne, während ich nach draußen ging und eine Zigarette anzündete. Es schneite ein wenig, doch ich genoss die frische Luft und die Schneeflocken auf meinem Gesicht. Noch ein Glas Wein, dann würde ich nachhause gehen. Wieder drinnen, standen die Künstler bereits auf der Bühne, beide in pinke Fracks gekleidet.

Als das Konzert beendet war, beschloss ich, doch noch ein Glas zu trinken. Ich musste am nächsten Tag erst gegen Mittag arbeiten und ich wollte einfach noch nicht in meine kalte, einsame Wohnung zurück. Die Mittwoch Abende waren mir immer am liebsten. Ich konnte nach der Arbeit abschalten, die Welt um mich herum für einen Moment vergessen. Auf einmal merkte ich, dass neben mir eine Person Platz nahm. Es war der Violinist, der sich einen Whisky bestellte. Ich wollte gerade wieder wegsehen, als sich unsere Blicke kreuzten. Er nickte mir zu und wir stießen auf das Konzert an. Sein Gesicht war sehr schlank, mit hervorstehenden Wangenknochen und seine blonden Haare waren etwas länger als seine Schultern. Wir unterhielten uns noch eine Weile, er erzählte von seiner Vergangenheit als Barkeeper. Gegen Mitternacht verabschiedete ich mich.

Am nächsten Tag nach der Arbeit führte mich mein Weg wieder an der Bar vorbei. Er stand draußen, hatte sich gerade eine Zigarette angezündet. Ich gesellte mich zu ihm; er bot mir eine Zigarette an. Eine Stunde später liefen wir durch die Stadt, es war bereits dunkel und begann wieder zu schneien. Wir unterhielten uns über seine Musik, die Welt, das Leben. Wir liefen und redeten und liefen und redeten. Er hatte eine besondere Anziehung auf mich, die ich bis heute nicht verstehe. Es ist nicht so, dass ich mich in ihn verliebt hätte, doch es war etwas Besonderes zwischen uns. So anziehend er einerseits auf mich wirkte, so komisch verhielt er sich manchmal. Während wir redeten, sah er mir nie in die Augen, er hat mich auch nie nach meinem Namen gefragt. Generell war er ziemlich verschlossen, obwohl wir so viel redeten. Er erzählte weder etwas von sich, noch fragte er mich etwas. Es ist mir auch nach wie vor ein Rätsel, warum wir überhaupt Zeit miteinander verbrachten. Nicht, dass ich es nicht genossen hätte, aber sein Verhalten ist im Nachhinein betrachtet doch sehr merkwürdig. Dass dieser Mann, von dem ich so viel und doch so wenig wusste, in meinem Leben ein so großes Loch hinterlassen würde, ...

Wir gingen immer noch durch die Stadt, am Ufer des Flusses entlang. Es war zwar kalt, aber wir wollten nicht nachhause. Gegen zwei Uhr jedoch, verabschiedete er sich plötzlich und lief in die entgegengesetzte Richtung davon. Ratlos stand ich mitten auf der Straße, sah ihm hinterher und machte mich schließlich auch auf den Weg nachhause.  Während ich die Tür aufschloss, dachte ich noch immer über sein Verschwinden nach. Hatte ich etwas Falsches gemacht? Hatte er etwa doch meine Blicke bemerkt, die ihm stumme Bewunderung zu Teil kommen ließen? Hatte er Angst, ich könnte mehr von ihm erwarten?

Da wir nach wie vor keine Kontaktdaten ausgetauscht hatten, blieb mir auch keine Möglichkeit, ihn zu erreichen. Ich war die ganze Woche über sehr unruhig, meine Gedanken schweiften immer wieder zu ihm ab. Es ist merkwürdig, wie sehr man von einer Person gefesselt sein kann, die man doch kaum kennt. Es vergingen weitere Wochen, in denen ich ihn weder sah, noch etwas von ihm hörte, und bald  war er aus meinen Gedanken verschwunden – bis zu einem Mittwochabend im April.
Ich war wieder in der Bar, ein Glas Merlot neben mir, da sah ich ihn die Bühne betreten. Es überraschte mich, ihn wieder zu sehen und kurz überlegte ich, ob  ich heimgehen sollte. Die Musik gefiel mir zwar, doch ich hatte Angst, was danach kommen würde. Ich entschied mich aber zu bleiben, nicht zuletzt deshalb, weil mich sein Blick fesselte. Es war nur ein kurzer Moment, ein kleines Nicken und ein stummes „bitte bleib hier“. Während sich das Konzert dem Ende zuneigte, leerte sich auch mein drittes Glas Merlot. In der leisen Hoffnung, nach dem Konzert mit ihm reden zu können, ihn zu fragen, warum er so abrupt gegangen ist, ging ich nach draußen, um mir eine Zigarette anzuzünden. Wieder unten, stand er bereits an der Bar, mit einem Whisky in der Hand. Er sah mich, lächelte und küsste mich auf die Wange. „Schön dich zu sehen!“ Wir sprachen nicht über die vergangenen Wochen, nicht darüber, dass ich ihn vermisst hatte und auch nicht über sein Verschwinden. Unsere Gespräche veränderten sich, wir sprachen über persönlichere Dinge, doch zwischen den Zeilen blieb so viel Unausgesprochenes zurück. Wir kamen uns näher, von Romantik jedoch immer noch zu weit entfernt. Seine Augen mieden meine, doch ich glaubte zu erkennen, dass auch er mich vermisst hatte. Immerhin fragte er mich am Ende des Abends nach meiner Telefonnummer.

Wir trafen uns nun regelmäßig, es waren keine Dates, dennoch genossen wir die Anwesenheit des Anderen, brauchten sie manchmal sogar. Nicht, dass wir das jemals ausgesprochen hätten. In meinem Hinterkopf saß immer noch die Angst, dass er wieder plötzlich verschwinden würde, aber ich konnte nicht verhindern, dass ich ihm verfiel. Es war auch schwer, diesen blauen Augen zu widerstehen. Die unausgesprochenen Dinge machten es auch schwer, ihn einzuschätzen. Nicht zu wissen, woran man ist, aber auch nicht fragen zu können, ist schwierig. Die geheimnisvolle, aber doch exzentrische Aura, die ihn umgab, machte es mir umso schwerer, ihn mit Definitionen zu langweilen, oder meine Gefühle anzusprechen. Natürlich wäre es einfacher gewesen, offen mit ihm zu reden, aber die Angst, ihn zu verschrecken, ließ mich weiter stumm bleiben.

Die Tage vergingen und es kam mir vor, als veränderte er sich. Von einem Moment auf den anderen, war alles anders. Ich weiß nicht, woran es lag, aber manchmal war diese Macht, die er über mich hatte, unerträglich. Im einen Moment behandelte er mich wie eine Königin, im Nächsten schrie er mich an und ließ mich spüren, dass ich in seinen Augen nichts wert war. Seine Stimmungsschwankungen wurden im Laufe der Zeit immer schlimmer, irgendwann hatte ich sogar Angst, auch nur ein Wort zu sagen, weil ich nicht wusste, wie er darauf reagieren würde. Unsere eh schon stumme Beziehung verstummte nun vollkommen. Selbstverständlich hätte ich jederzeit gehen können, dieses komische Monster, das uns zusammenhielt, ersticken können, doch ich kam nicht von ihm los. Er war der intelligenteste und anziehendste Mensch, den ich je getroffen habe. Mein Lichtblick waren die Momente, in denen er mir auf der Geige vorspielte. Wenn wir nur da saßen, die Augen geschlossen, und uns von der Musik in andere Welten tragen ließen. Das Spiele erinnerte mich an den ersten Abend, an die Anziehung, die seitdem mein Leben bestimmte. Ich dachte zurück an die schönen Tage, als wir noch leicht und glücklich leben konnten. Aber auch an die Angst, die immer präsent war. Das Geigenspiel war seine Art, mir seine Liebe zu zeigen. Aber auch das wurde weniger, bis es vollkommen verstummte. Mir war bewusst, dass wir uns an einer Art Ende befanden, doch ich wollte es nicht wahrhaben.

Als ich an einem Tag im Herbst nach der Arbeit nachhause kam, war er weg. Ohne ein Wort, ohne einen Brief. Seine Sachen waren verschwunden, es war, als wäre er nie hier gewesen. Ich weinte nicht, ich freute mich sogar fast über die Erlösung aus dieser scheinbar ausweglosen Situation. Natürlich war ich traurig, aber ich hatte es kommen sehen. Es war von Beginn an klar, dass dieses Zusammensein nur temporär war, dass die Vergänglichkeit uns im Nacken saß und unsere Worte schluckte.


Was blieb, war der Geruch nach Whisky und die stummen Melodien seiner Geige, die durch die Wohnung hallten.

Kommentare:

  1. Hey Carina, das ist wunderbar geschrieben. Das zu lesen ist wie ein Buch, das zu gut ist, um es fertig zu lesen, weil es zu schmerzhaft wäre zu wissen, dass man es jetzt durch gelesen hat...eins der Bücher, die man immer wieder liest und sich an den winzigen Nuancen erfreut, die man immer wieder aufs Neue entdeckt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo! Ich danke dir für diesen wundervollen Kommentar! Ich hab mich unendlich gefreut :)

      Löschen